Die Sixtinische Kapelle wurde von dem italienischen Architekten Giovannino de' Dolci entworfen und zwischen 1473 und 1481 erbaut. Obwohl die Fresken von Michelangelo die Kapelle weltberühmt machten, verdanken wir das architektonische Grundgerüst einem weniger bekannten, aber ebenso wichtigen Künstler.
Giovannino de' Dolci – Der Architekt
Über den Architekten
Giovannino de' Dolci (auch Giovanni de' Dolci) war ein florentinischer Architekt des 15. Jahrhunderts. Über sein Leben ist relativ wenig bekannt – viele Dokumente sind im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen.
Was wir wissen:
- • Er war unter Papst Sixtus IV. als päpstlicher Architekt tätig
- • Er arbeitete möglicherweise unter Baccio Pontelli, einem anderen bekannten Architekten der Zeit
- • Die Sixtinische Kapelle ist sein berühmtestes überliefertes Werk
Der Bauauftrag
Im Jahr 1473 beauftragte Papst Sixtus IV. Giovannino de' Dolci mit dem Neubau der päpstlichen Kapelle. Die alte Cappella Magna aus dem 14. Jahrhundert war baufällig und sollte durch ein würdigeres Gebäude ersetzt werden.
Der Auftrag hatte mehrere Anforderungen:
- Funktionale Nutzung: Die Kapelle sollte als päpstliche Privatkapelle und für die Papstwahl (Konklave) dienen
- Symbolische Bedeutung: Die Maße sollten den biblischen Proportionen des Salomonischen Tempels entsprechen
- Verteidigungsfähigkeit: Das Gebäude sollte auch als Festung gegen mögliche Angriffe dienen können
Die architektonischen Merkmale
Die biblischen Proportionen
Giovannino de' Dolci entwarf die Kapelle nach den Maßen des Salomonischen Tempels, wie sie im Alten Testament beschrieben werden (1. Könige 6,2). Das Verhältnis von Länge zu Breite zu Höhe beträgt etwa 3:1:1,5.
Die Maße im Detail
Der Festungscharakter
Das äußere Erscheinungsbild der Sixtinischen Kapelle ist überraschend schlicht – fast wie eine mittelalterliche Festung. Dies war beabsichtigt:
- Dicke Mauern: Die Außenwände sind massiv und wehrhaft gebaut
- Zinnenkranz: Das Dach ist von einem Wehrgang mit Zinnen umgeben
- Minimale Fenster: Die wenigen Fenster sind hoch angebracht und relativ klein
- Kein schmückendes Äußeres: Die gesamte künstlerische Pracht befindet sich im Inneren
Historischer Kontext
Im 15. Jahrhundert waren bewaffnete Konflikte in Rom keine Seltenheit. Die Päpste mussten sich gegen rivalisierende Adelsfamilien, Söldnertruppen und sogar Invasionen schützen. Die Kapelle sollte im Notfall auch als sichere Zuflucht dienen können.
Das Tonnengewölbe
Die Decke der Sixtinischen Kapelle ist als flaches Tonnengewölbe konstruiert. Diese Form bot zwei Vorteile:
- Statische Stabilität: Das Gewicht wird gleichmäßig auf die Seitenwände verteilt
- Ideale Malfläche: Die leicht gewölbte Decke war perfekt für die spätere Freskenmalerei durch Michelangelo
Baccio Pontelli – Der zweite Architekt?
Einige Historiker schreiben den Entwurf der Sixtinischen Kapelle auch dem Architekten Baccio Pontelli zu. Es ist möglich, dass:
- • Pontelli den ursprünglichen Entwurf lieferte
- • Giovannino de' Dolci die Ausführung und Bauleitung übernahm
- • Beide zusammenarbeiteten und verschiedene Aspekte verantworteten
Die historischen Quellen sind nicht eindeutig, und die Frage der genauen Zuschreibung bleibt ein Gegenstand akademischer Diskussion.
Das Vermächtnis der Architektur
Obwohl die Fresken von Michelangelo und anderen Künstlern die Sixtinische Kapelle weltberühmt gemacht haben, verdient auch die architektonische Leistung Anerkennung. Giovannino de' Dolci schuf einen Raum, der:
- • Die perfekte Leinwand für die größten Kunstwerke der Renaissance bot
- • Seit über 500 Jahren den Anforderungen der Papstwahl standhält
- • Jährlich Millionen von Besuchern sicher aufnimmt
- • Als Vorbild für zahlreiche spätere Sakralbauten diente